
Kleiner Künstler
Wie wir den kleinen Künstler in uns zum Schweigen gebracht haben – und wie wir ihn zurückholen
Erinnerst du dich noch an das Gefühl, als Kind vor einem riesigen, leeren Blatt Papier zu sitzen?
Da gab es keinen Plan. Keine Strategie. Keine korrekte Pinselführung und erst recht keine quälende Frage im Kopf, ob das, was da gleich entsteht, am Ende „gut genug“ ist, um es irgendwem zu zeigen. Wir haben einfach tief in die Farbtöpfe gegriffen, wild drauflosgematscht, Formen erfunden und die Zeit vergessen. Es ging nicht um das fertige Bild – es ging rein um das pure, unzensierte Erleben im Hier und Jetzt.
Und dann sind wir erwachsen geworden.
Irgendwo auf dem Weg haben wir diesen intuitiven Zugang, diese kreative Urkraft, gegen etwas eingetauscht, das uns heute oft starr vor dem weißen Papier sitzen lässt: Perfektionsdruck, Vergleiche und die Angst vor dem Scheitern. Wir haben gelernt zu bewerten. Und genau damit haben wir den kleinen, wilden Künstler in uns Schritt für Schritt zum Schweigen gebracht.
Der Moment, in dem die Zensur begann
Es passiert meistens schleichend. Vielleicht war es der Kunstunterricht in der Schule, in dem es plötzlich Noten für richtige Proportionen gab. Vielleicht war es ein unbedachter Kommentar von Erwachsenen („Das sieht aber nicht aus wie ein echter Baum“). Oder der Moment, in dem wir angefangen haben, unsere Bilder mit denen von anderen zu vergleichen und zu beschließen: „Ich habe eben kein Talent. Ich kann das nicht.“
Wir haben aufgehört zu machen und angefangen zu bewerten.
Plötzlich war Kunst kein sicherer Spielplatz mehr, sondern ein Leistungsraum. Der Fokus verschob sich vom magischen Prozess des Erschaffens hin zum perfekten Endprodukt. Und der innere Kritiker hat sich mit verschränkten Armen fest auf unserer Schulter eingenistet.
Die gute Nachricht: Die Urquelle ist nicht weg
Wenn du heute den Impuls spürst, kreativ zu sein, aber gleichzeitig eine Blockade fühlst, dann mach dir eins klar: Der kleine Künstler in dir ist nicht tot. Er ist nicht mal weg. Er sitzt nur in einer Ecke deines Unterbewusstseins, hält sich die Ohren zu, weil der Verstand so laut schreit, und wartet geduldig darauf, dass du die Regeln brichst.
Kreativität ist keine Frage von Talent oder Perfektion. Sie ist eine Urkraft, die in jeder von uns steckt. Es ist das unzensierte Ausdrücken dessen, was tief in uns brodelt – und dafür braucht es keine glattgeleckten Meisterwerke.
Wie wir die wilde Freiheit zurückholen
Um den inneren Kritiker vor die Tür zu setzen und dem kleinen Künstler wieder den Pinsel in die Hand zu geben, dürfen wir die Kontrolle bewusst abgeben. Hier sind drei Schritte, wie du wieder eine ganz intuitive Verbindung zu deiner Kreativität aufbaust:
Erlaube dir das „Hässliche“: Mach dein Skizzenbuch zu einem absolut geschützten Raum. Zu einem Raum, in dem niemand zuschaut und in dem Fehler nicht existieren. Male absichtlich ein Bild, das niemandem gefallen muss – nicht mal dir selbst. Matsche mit Farben, ziehe krakelige Linien und lass den Kopf bewusst außen vor. Nimm dir bei deinem nächsten Bild einfach mal vor, es NIEMANDEM zu zeigen wenn es fertig ist.
Fokus auf den Prozess, nicht das Ergebnis: Spüre das Papier unter deinen Fingern, beobachte, wie sich zwei nasse Farben ineinanderlaufen lassen, nimm den Duft deiner Materialien wahr. Genieße das Tun, anstatt schon beim ersten Pinselstrich ans fertige Bild zu denken. Wenn du absolut nicht loslassen kannst von dem Ergebnis dann setze dich mal vor einen Spiegel und schaue dir nur das Blatt Papier in deinem Spiegelbild an. So kannst du ausprobieren und erschaffen ohne direkt zu sehen, wie das fertige Bild aussieht.
Lade den Zufall ein: Nutze Techniken, die du gar nicht perfekt kontrollieren kannst. Lass Wasserfarben unvorhersehbare Wege suchen oder arbeite mit Flecken und zufälligen Strukturen. Wenn du dem Zufall die Regie überlässt, nimmst du deinem Verstand das Werkzeug weg, mit dem er dich blockieren will.
Es ist an der Zeit, die To-Do-Listen und den Perfektionismus vor der Tür zu lassen. Schnapp dir deine Farben, schalte den Kopf aus und erlaube dir, wieder genau so unbeschwert zu stromern wie damals. Dein innerer Künstler wartet schon auf dich.
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